Tag #116 – #118 White lake und Heiligabend 🌲

   

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Da die Schneemenge in den Bergen immer noch zu wünschen übrig lässt und alpines Skifahren für mich hier sehr teuer ist (schließlich muss ich die ganze Ausrüstung noch ausleihen), bin ich auch heute nicht Skifahren gegangen. Ich wollte dennoch etwas unternehmen und habe mir eine Wanderung in der Nähe herausgesucht. Ich hätte nie gedacht, dass ich am 23. Dezember in Kanada noch wandern gehe. Aber wie gesagt, hier im Tal liegt einfach nicht mal Schnee.

Die Wanderung verläuft zwischen 450 hm und 700 hm, insgesamt 8 km zum sogenannten „White Lake“ See. Von dort aus gibt es dann die Möglichkeit, noch etwa 2 km auf einen Gipfel in einer Höhe von 900m aufzusteigen. Danach natürlich alles wieder zurück. Das war die perfekte Wanderung, da ich so je nach Schneesituation entscheiden kann, ob ich mich auch in die höheren Lagen begeben möchte.

Die Wanderung verlief erst sehr Idyllisch durch moosbedeckte Wälder. Mitten auf dem Weg lagen plötzlich die Überreste eines weißen Hasen. Ich erspare euch jetzt die Bilder, aber das war definitiv eine Hinweis, dass es hier große Raubtiere gibt – Bären? oder doch „nur“ ein Wolf??? Normalerweise müssten die Bären bereits im Winterschlaf sein, aber aufgrund der milden Temperaturen könnte es sein, dass sie noch aktiv sind. In einem Besucherzentrum wurde mir gesagt, dass die Bären in guten Jahren, wenn sie genügen Fressen finden, überhaupt gar kein Winterschlaf machen. Ich war also sehr froh um mein Bärenspray und schnallte mir die Kamera griffbereit um. Ein paar Minuten später hörte ich dann auch noch das typische Pfeifen eines Wapti Hirsches. Ich schaute mich besonders sorgfältig um, habe jedoch bis auf ein paar Rebhühnern keine Wildtiere gesehen und selbst die waren zu schnell für mich und meine Kamera…

Doch schon bald komme ich an den ersten Aussichtpunkt, wenigstens die Landschaft ist mir treu und lässt mich ein paar Bilder machen.

Da auf dem Weg bisher kaum Schnee lag, entschied ich mich, auch die zwei Kilometer auf den Gipfel zu erklimmen. Der Weg war extrem steil, aber an einem Aussichtspunkt gab es einen Vespertisch. Es war aber erst 11 Uhr, weshalb ich mir zuerst den Gipfel vornahm. Nach einer Weile schloss sich die Schneedecke. Der Schnee war hart und gefroren und maximal 5cm tief, also problemlos zum Laufen.

Oben am Gipfel angekommen hatte ich einen traumhaften Rundumblick. Die vielen schneebedeckten Gipfel und der See auf der anderen Seite.

Beim Abstieg machte ich Stopp bei dem Tisch und es gab Brot mit Paprika und Orange. Nicht sehr üppig, aber ich hatte nicht viel mehr für Vesper daheim und wollte nicht extra einkaufen gehen.

Der restliche Rückweg verlief bis auf eine nette Begegnung mit einem Eichhörnchen recht unspektakulär. Ein Bild des Eichhörnchens habe ich allerdings nicht, meine Kamera war schon in den Rucksack gewandert und ich habe schon soooooo viele Eichhörnchenbilder. Insgesamt war ich 6,5 Stunden unterwegs und habe 960 hm und 20,5 km überwunden. Dementsprechend erschöpft und glücklich war ich, als ich am Auto ankam.

Am nächsten Tag war Heiligabend. Dieser  Tag ist hier wie jeder andere Tag. Weihnachten wird erst am 25. Dezember gefeiert. Viele Leute strömen an Heiligabend also noch in die Stadt um die letzten Weihnachtsgeschenke zu kaufen. Außerdem kommen meine Mutter und ihr Mann am Abend des 25. Dezember nach Kanada, besser gesagt, Vancouver. Da ich noch nie in Vancouver war und es sicher schön ist möglichst viel Zeit hier gemeinsam zu verbringen habe ich mich entschlossen sie direkt dort zu treffen. Deshalb verbrachte ich Heilig Abend hauptsächlich mit aufräumen, putzen und packen. Um wenigstens ein bisschen Weihnachtsstimmung zu haben bin ich dann am Abend noch in eine Kirche. Wobei man sich hierbei keine traditionelle Kirche wie in Deutschland vorstellen kann. Das Gebäude war eher eine Mehrzweckhalle. Turnhallenboden mit jeder menge Markierungen auf welchen Stühle platziert wurden, Basketball Körbe und eine Bühne. Auf dieser befand sich eine kleine Band mit Trompete, Horn, Kontrabass, Gitarre, Keyboard und sogar einem Schlagzeug.

Als ich meinen Platz einnahm wurde sich mir direkt vorgestellt. Erika und Ernie. Als ich erzähle, dass ich aus Deutschland komme war Erika heillaufbegeistert. Sie komme auch aus Deutschland. Dazu muss man wissen, dass viele Kanadier und Amerikaner sich oft sehr mit ihrer Herkunft identifizieren und sich als deutsche bezeichnen, selbst wenn es nur ihre Großeltern waren die tatsächlich in Deutschland geboren wurden. Wir unterhielten uns weiter auf Englisch, weshalb ich genau das vermutete, ich fragte sie seit wann sie denn in Kanada sei worauf sie mir erzählte seit über 70 Jahren (was vermutlich ihr ganzes Leben bedeutet) aber sie sei wohl sehr Deutsch Aufgewachsen. Ihr Vater hätte sogar „deutsche Rente“ bekommen. Ich musste zweimal nachfragen, da ich nicht mit einem deutschen Wort im sonst englischen Satz gerechnet hatte. Später erzählte sie mir, dass sie mir ihren Nachnamen nicht nennen wird, gab aber den Hinweis: „Großes M kleine Eier“. Mit so einem Spruch habe ich wirklich nicht gerechnet, aber langsam glaubte ich ihr, dass sie zumindest sehr Deutsch aufgewachsen ist. Nach dem Gottesdienst erzählte sie mir plötzlich in perfektem Deutsch mit leichtem Akzent, dass die Familie neben uns auch deutsch sei und ihr Vater sehr gut deutsch spreche, auch mit den Kindern. Wirklich faszinierend, ich hatte schon gemerkt, dass hier in Kanada unglaublich viele Leute deutsche Herkunft haben, aber damit dass es tatsächlich noch Leute gibt die hier deutsch sprechen habe ich nicht gerechnet.

Der Gottesdienst war dem deutschen grundsätzlich recht ähnlich und dennoch so anders. Es war ein evangelischer Gottesdienst, das ist hier deutlich verbreiteter. Zuerst wurde 5 Kerzen auf einem Adventskranz angezündet, dazu war eine Familie auf der Bühne bei welcher jedes Kind kurz etwas vortrug, jede Kerze hatte seine eigene Bedeutung. Die 5. Kerze war die Christuskerze die erstmals an Heiligabend entzündet wird. Anschließend gab es ein paar Predigen die das Thema Glaube und Gott jedoch fast schon kritisch hinterfragten und mehr wie Geschichten oder freie Gedanken aus dem Alltag der Menschen klangen. Zwischen drin wurde gesungen während der Text wie bei der Karaoke auf der Leinwand auf der Bühne angezeigt wurde. Sehr berührend war die Geschichte eines Mannes der von seiner Tochter erzählte, welche plötzlich Atemschwierigkeiten hatte, von einem Krankenhaus ins nächste geflogen wurde und über 72 Stunden um ihr Leben kämpfte. Der Mann verglich dies mit der Entscheidung Josephs, an Gottes Plan zu glaube und nicht davon zu laufen als er erfuhr, dass Maria schwanger war noch bevor sie überhaupt geheiratet hatten. So sagte er, dass er Betete und Gott erzählte, er sei nicht bereit seine Tochter zu verlieren, aber wenn das Gottes plan sei dann werde er nicht davon laufen und weiterhin an das Gute in Gott glauben. Seine Tochter überlebte und war an dem Abend sogar im Publikum.

Zum Schluss des Gottesdienstes sind ein paar Helfer durch die Reihen gelaufen und haben jeweils am Anfang jeder reihe eine der Kerzen angezündet, die jeder am Eingang erhalten hatte. Anschließend wurde das Feuer von den Besuchern an ihre Sitznachbarn weiter gegeben wodurch sich die „Kirche“ schnell in Hellem aber gemütlichen Kerzenschein hüllte. Dann sagen wir gemeinsam „Stille Nacht“ und der Gottesdienst war beendet. Die Leute unterhielten sich noch etwas, so wie ich mich mit Erika unterhalten hatte.

Zurück Zuhause angekommen gab es dann noch ein paar Snacks und Eierlikör mit Rum (wohl ein Traditionelles Weihnachtsgetränk hier in Kanada) und meine Gastgeberin mein Mitbewohner und ich unterhielten uns noch ein bisschen.

Am nächsten Morgen ging es für mich nach Vancouver, besser gesagt der Bus sollte um 4:30 Uhr abfahren. Nachdem ich 4:15 am Parkplatz ankam erhielt ich eine Nachricht. Bus hat eine Stunde Verspätung… Also saß ich eine Stunde im immer Kälter werdenen Auto bis der Bus endlich ankam.

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